Der letzte Einsatz des Adrian Warburton

Von Anton Huber


 


 


2005 erinnerten sich viele Menschen an die die letzten Tage des 2. Weltkrieges (1939-1945). Zum 60. Jahrestag erschienen Veröffentlichungen und da und dort fanden Ver­anstaltungen statt. Das Ende hatte sich bereits in den Jahren davor angekündigt und viele haben durch die immer häufi­ger werdenden Angriffe der britischen und amerikanischen Luftstreitkräfte gelitten. Insgesamt wurden über dem Reichsgebiet und den besetzten Gebieten von den Alliierten von 1942 bis April 1945 1945 815 Tonnen Bomben abge­worfen. Allein 1944 waren es 1 188580 Tonnen Bombenlast, die auf unserem Boden abgeladen wurde und immensen Schaden anrichtete.1

In dieser Zeit hatten die Alliierten längst die Lufthoheit über Deutschland inne und flogen ihre Einsätze auch tags­über. Vorbereitet wurden diese Bombardements durch eine Luftaufklärung.

Durch lückenlose Bilddokumente wurden die wichtigen Angriffsziele genau sichtbar gemacht. Spezielle Einheiten beflogen das Gebiet und machten die erforderlichen Auf­nahmen für gezielte Bombenabwürfe. Aus dieser kriegeri­schen Bildaufklärung entwickelte sich übrigens später die Luftbildarchäologie, die heute den Landesarchäologen wert­volle Hilfe leistet.

Am 12. April 1944, 12.45 Uhr stürzte 400 m südlich von Egling a. d. Paar eine zweimotorige Lockheed P - 38 F5B - Lightning in einen Acker. Dieses Flugzeug war eine reine Aufklärungsmaschine, die keinerlei Angriffswaffen mit sich führte. Sie war mit einer zweiten Maschine des gleichen Typs am Morgen in Mount Farm in Wales, Großbritannien, gestartet, um Luftbilder im Raum Schweinfurt aufzuneh­men. Da aber dort die Wetterlage an diesem Tag dafür unge­eignet war, haben sich die beiden Piloten getrennt. Chapman machte im Raum Regensburg seinen Aufklärungsflug und Adrian Warburton, Warby von seinen Freunden genannt, nahm sich das Gebiet westlich von München vor. Sie hatten sich am Bodensee getrennt und wollten sich im Raum Mün­chen wieder treffen, um dann nach Sardinien zu fliegen, dort ihre Filme abliefern und wieder nach England zurück flie­gen. Nur Chapman kam an diesem Tag zum Basisflugplatz nach Mount Farm zurück. Warby galt seit dem 12. 4. 1944 als vermisst.

Skizze aus FOCUS, 16.12.2002


 

Eine Parallele zum berühmten Franzosen Antoine de Saint-Exupery, der ebenfalls Luftaufklärungspilot bei den Alliierten war, ist gegeben. Auch Saint-Exupery flog eine Ligthmng, stürzte ebenfalls 1944 ab und niemand kannte die Absturzstelle. Erst 2004 berichteten die Medien, dass seine

Maschine im Meer bei Marseille in 70 Meter Tiefe entdeckt worden sei.

Anstoss kommt aus England

Frank G. Dorber aus Wales hat sich zehn Jahre lang auf die Suche nach der Absturzstelle des Vermissten Warby gemacht. Unzählige Briefe hat er an viele Ämter und Institu­tionen im südeuropäischen Raum geschrieben. Er wollte erfahren, wo am 12. 4. 1944 eine Lightning mit einem engli­schen Piloten abgestürzt ist und wo die sterblichen Überre­ste des Soldaten beerdigt wurden. Mit dieser Fragestellung gelangte im Dezember 2000 ein Schreiben von Frank G. Dorber an das Matrikelamt der Erzdiözese München- Freising. Von dort wurde der Brief aus England an das Militärbischofsamt in Bonn und an das Katholische Pfar­ramt St. Vitus, 86492 Egling an der Paar „zuständigkeitshal­ber zur Bearbeitung und Beantwortung weitergeleitet".[1]

Vom Pfarramt Egling gelangte dieses Schreiben zu Pro­fessor Dr. Pankraz Fried, Heinrichshofen, ein Ortsteil von Egling. Als Absturzstelle wird das Gebiet zwischen Egling und Dünzelbach angegeben, ja sogar der Name des Grund­stückseigentümers Braumüller ist genannt.

Wo ist die tatsächliche Absturzstelle?

Der Landeshistoriker Dr. Pankraz Fried leitete nun vor Ort Nachforschungen über die näheren Umstände des Absturzes ein. Er sprach mit Grundstückseigentümern, befragte Augenzeugen.

Es traten im Lauf der Untersuchungen aber immer mehr Widersprüche auf. Die Suche nach der konkreten Stelle, wo sich die Ligthning P-38 F5B am 12.4. 1944 in den Ackerbo­den bohrte, gestaltete sich im Laufe der Zeit recht schwierig. Schriftliche Unterlagen gab es weder vor Ort noch bei der Kreisbehörde. Man muß bedenken, $ass die noch lebenden Zeitzeugen damals noch Kinder und Jugendliche waren. Für die genaue Ortskenntnis kam noch erschwerend hinzu, dass 1951/52 in der Gemeinde Egling durch die Flurbereinigung die Feldgrenzen verändert wurden und vielfach auch die Grundstückseigentümer gewechselt hatten. Durch diese Ver­änderungen ist den Zeitzeugen, auch beim besten Willen, eine genaue Orientierung unmöglich geworden. Auch die Polizeidienststelle Landsberg hat auf Anweisung des Innen­ministeriums eigene Nachforschungen durch Befragen der Grundstücksbesitzer, unabhängig von Dr. Pankraz Fried und Dr. Anton Huber, durchgeführt und Luftaufnahmen von der vermutlichen Absturzstelle anfertigen lassen. Beide Unter­suchungsgruppen kamen schließlich zur selben Fläche, wo das Wrack der Ligthning und die sterblichen Überreste des Piloten - nach Aussagen der Zeitzeugen und befragten Dorf­bewohner - seit dem Absturz im Boden liegen sollten. Vom Grundstückseigentümer wurde die Grabungserlaubnis ein­geholt und ein Grabungstermin ins Auge gefasst. Im Früh­jahr 2002 war der Acker bereits bestellt.

Es wurde deshalb als Grabungsbeginn die erste Hälfte des August, also für die Zeit nach der Getreideernte anberaumt.

Grabungsvorbereitung

Bis zur Grabung waren noch einige Vorbereitungen zu treffen. Es stand fest, dass der eigentliche Absturztrichter,

Luftbild aus dem Polizeihubschrauber


 

den das Flugzeug beim Absturz und beim Eindringen in den Boden schuf und hinterließ, zuerst aufgedeckt werden mus- ste. Das geschieht am besten dadurch, wie bei anderen archäologischen Sondierungen, dass die Humusschicht bis zum gewachsenen Boden abgezogen oder abgeschoben wird. Es war klar, dass für diese vorbereitende Grobarbeit nur ein leistungsstarker Hydraulikbagger mit einer breiten Humusschaufel in Frage kam.

Dafür wurde der örtliche Unternehmer Bruno Schneider gewonnen. Dazu boten sich noch zwei Helfer an. Pankraz Fried und der Berichterstatter besprachen sich laufend über die Art und Durchführung der Ausgrabungsarbeiten. Dieses fünfköpfige Team sollte die Grabung zügig durchführen.

Bei einem ersten Ortstermin am 3. 8. 2002 mit Grund­stückseigentümer Berchtold, Pächter Löffler, Bürgermeister Wörl, P. Fried, Baggerführer Schneider und Huber wurde noch einmal der ganze Ablauf der Bergung des Flugzeugs und des Piloten besprochen und als Grabungstermin der 10. 8.2002 festgelegt.

Starker Regen, der in der Nacht vom 9. auf den 10. August einsetzte und drei Tage und drei Nächte anhielt, machte aber dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Der lehmi­ge Boden ließ eine Grabung nicht zu, auch wäre in dem Acker zu großer Schaden angerichtet worden. Es wurde des­halb vereinbart, dass nach dem Ende des ausgiebigen Regens mindestens drei trockene Tage abgewartet werden müssten, bevor in dem schweren Boden gegraben werden könne. Nach drei Regentagen folgten tatsächlich drei sonni­ge Tage, so dass als neuer Grabungsbeginn der 16. August angesetzt wurde. Am Tag zuvor war Mariä Himmelfahrt, ein Feiertag. Da kamen Bauern und Männer nach der Kirche im Dorfwirtshaus zusammen, um Neuigkeiten zu besprechen. Sie kamen dabei auch auf den abgestürzten Flieger vor 58 Jahren. Ein Stammtischler brachte überraschenderweise eine völlig andere Absturzstelle ins Gespräch. Dieser Mann, er war damals 17 Jahre alt, hielt die bisher als sicher ange­nommene Stelle für falsch. Er erinnere sich genau, führte er vor den neugierigen Zuhörern aus, dass er 1945 (Anm.: die Amerikaner geben für diese Aktion das Jahr 1946 an) mit 20-25 Rumänen mit Pickeln und Schaufeln nach dem Flug­zeug gegraben und eindeutig Teile davon freigelegt habe. Das sei aber etwa 70-100 Meter weiter südöstlich gewesen. Pankraz Fried hörte noch am selben Tag von dieser neuen Version und verständigte umgehend den Berichterstatter.

Aufgrund dieser neuen Situation trafen sich am 16.8. 2002 Maxhofer, Fried und Huber zu einem 2. Ortstermin. Maxhofer führte zu der Stelle, wo er nochmals versicherte, 1945 mit den Rumänen gegraben zu haben und auf das Flugzeug gestoßen zu sein. Damals sei auch ein Amerikaner mit einem Jeep zu den Ausgräbern gekommen und habe sich einige Buchstaben notiert, die an den Überresten abzulesen waren. Tiefer sei damals nicht gegraben und die Arbeiten seien wieder eingestellt worden. Daraus ist das im Ort ver­breitete Gerücht entstanden, dass die „Amerikaner" einen Motor der Ligthning ausgegraben haben. Auch wurde im Dorf erzählt, bei der Flurbereinigung 1951/52 sei der andere Motor der Maschine gehoben und abtransportiert worden. Näheres dazu wird später ausgeführt.

Nach diesem Ortstermin sprachen wir mit dem Grund­stückseigentümer Braumüller, der bereitwillig nähere Aus­künfte gab. Er wisse von seinem bereits verstorbenen Vater, dass die Ligthning zwar in einem ihrer Äcker liege, aber nicht dort, wohin uns Maxhofer führte, sondern in dem Acker, der westlich des Flurweges liegt, etwa 20 Meter vom Weg entfernt.

Es ist leicht vorzustellen, dass die „Ausgräber" sich ziem­lich unsicher fühlten, als plötzlich drei Absturzstellen zur Auswahl standen. Deshalb kamen am 18.8.2002 Braumül­ler, Fried, Böhm und Huber zum 3. Ortstermin an der nun favorisierten Absturzstelle zusammen. Man wollte jetzt ganz sicher gehen. Der Grundstückseigentümer zeigte uns die Stelle, die er von seinem Vater wusste und an der er beim Pflügen immer wieder Blechreste gefunden hat, die von dem Flugzeug stammen mussten. Mit einer Metallsonde wurde dieser Platz abgesucht und siehe da, es kamen typische Alublechreste zutage, die eindeutig von der hier abgestürz­ten Ligthning stammten.

Zur Absicherung, dass nun die richtige Absturzstelle ein­deutig gefunden war, wurde ein weiteres Beweisstück heran­gezogen. Pankraz Fried hatte bei seinen umfangreichen Recherchen im Vorfeld der Ausgrabung eine großformatige Luftaufnahme in die Hand bekommen, die von den Ameri­kanern im Juli 1944, also 4 Monate nach dem Absturz im südlichen Bereich von Egling gemacht worden war. Auf ihr zeigt sich ein kleiner schwarzer Punkt, der als Absturztrich­ter interpretiert werden kann. Das Vermessungsbüro Förg in Landsberg entzerrte und übertrug dieses Luftbild auf den


 

Flurplan M 1:5000, (Abb.). Die Stelle konnte nun(genau vermessen werden und sie stimmte mit den Angaben des Grundbesitzers und mit den an dieser Stelle gefundenen Alublechresten überein. Alle waren heilfroh, dass damit der tatsächliche Absturzplatz der Ligthning mit höchster Wahr­scheinlichkeit fest stand. Allein der Gedanke, an den beiden anderen Stellen zu graben angefangen zu haben, erfüllt die Ausgräber heute noch mit großem Schaudern.

Ausgrabung vom 19. - 22. August 2002

Die Ausgrabung verfolgte zwei Hauptziele, nämlich die jeweilige Identität des Flugzeugs und des Piloten fest zu stellen. Dazu mussten entsprechende Überreste aus dem Boden geborgen werden.

Zunächst war der Umfang des Absturztrichters sichtbar zu machen. Wie oben schon kurz dargestellt, wird dazu der Humus flächig bis zum gewachsenen Boden abgetragen. Ein Hydraulikbagger mit einer 2 m breiten Humusschaufel zog unter genauer Anleitung vom Flurweg her gegen Westen einen 35-40 cm tiefen Graben. Nach etwa 10 m zeigten dunkle Bodenverfärbungen den östlichen Kraterrand an. 3 - 4 m weiter hörte diese Verfärbung wieder auf. Damit war der ostwestlich verlaufende Durchmesser des Absturztrich­ters gefunden und aufgedeckt. Durch Abtragungen nach Norden und Süden wurden die Umrisse des gesamten Absturztrichters frei gelegt. Es zeigte sich eine ovale Umrisslinie, die rot markiert wurde, denn nach einiger Zeit der Austrocknung wäre sie nicht mehr erkennbar gewesen. Das auf diese Weise hergestellte Planum ist eine wichtige Vorarbeit für die sich anschließende Ausgrabung. Da die Verfärbung des Bodens dadurch entstand, dass in den Trich­ter beim Einebnen nach dem Absturz mehr Humus gelangte, war somit der Rahmen gegeben, innerhalb dessen einzig und allein die Überreste zu suchen waren.

Drei Grabungsschritte waren vorgesehen. Zuerst das nörd­liche, darauf das südliche und schließlich das mittlere Drit­tel der Fläche mit dem Bagger schichtweise abtragen. Diese Vörgehensweise hatte den Vorteil, dass der wichtige Mittel­teil, wo das Cockpit und die sterblichen Überreste des Pilo­ten zu erwarten waren, von zwei Seiten im Profil sichtbar wurde. Im nördlichen Teil stießen wir bald auf den Gra­bungstrichter der Flurbereinigung, der nach der Aushebung und Entnahme der Wrackteile mit grobem Kies angefüllt worden war. Grabungstechnisch war es eine leichte Aufga­be. Es brauchte nämlich nur der lockere Kies entnommen werden, der Grabungstrichter im festen Lehm blieb stehen. Er wurde zeichnerisch und photographisch fest gehalten. In einer Tiefe von 3.20 m hörte diese „Störung" auf und es begann lettiger Urboden. Als eindeutiger Befund kann kon­statiert werden: Hier waren vor 50 Jahren Leute der Flurbe­reinigung am Werk. Sie haben den rechten Flugzeugrumpf gehoben, aber keinerlei Aufzeichnungen darüber hinterlas­sen. Wie mündlich berichtet wird, war der Leiter der Flurbe­reinigung ein Pilot der deutschen Luftwaffe im 2. Weltkrieg gewesen, der persönliches Interesse an Teilen der Ligthning und besonders an dem Motor hatte.

Darauf wurde im südlichen Bereich das Erdreich schritt­weise abgehoben. Überraschenderweise trafen wir hier auf ein Propellerblatt und unmittelbar darunter auf Teile des Motors. Nach den mündlichen Überlieferungen hat es näm­lich geheißen, dass beide Motoren bereits entfernt worden seien, einer 1945 (oder: 1946) von den Amerikanern, der andere 1951/52 von Leuten der Flurbereinigung, wie es durch die Grabung auch nachgewiesen werden konnte.

Das Propellerblatt wurde noch an diesem ersten Gra­bungstag geborgen. Dadurch war das erste Grabungsziel, nämlich den Flugzeugtyp zu identifizieren, weitgehend erreicht.

Am zweiten Grabungstag wurde ein zweites Propeller­blatt, Teile des Motors und des Laders geborgen. Dies waren

Teile des rechten Rumpfes der Ligthning P-38 F5B, die ähn lieh im nördlichen Teil der Grabungsfläche vorhanden gewe­sen sein müssen. Im südlichen Drittel stieß man erst in 3,60 m auf den Urboden. Was hier fehlte, war das dritte Pro- pellerblatt, das aber womöglich beim Aufprall auf den Boden abgesplittert war und deshalb gar nicht in den Boden gelangt ist. Ein Amateurphoto, das Sepp Bartl am 12.4.1944 an der Absturzstelle schoß, lässt bei genauem Hinsehen, neben Blechteilen, die auch nicht in den Boden eindrangen, vielleicht dieses dritte Propellerblatt erkennen.

Am Nachmittag des zweiten Grabungstages ging es nun an den wichtigen Mittelbereich. Von Norden und von Süden zeigte sich an den beiden Profilen, dass die Fundschicht wesentlich höher lag. Sie maß auch nur etwa 40 cm in der vertikalen und 140x150 cm in der horizontalen Ausdeh­nung. Das Cockpit hatte weniger Gewicht als die beiden Rümpfe mit den schweren Motoren, die in die Tiefe zogen. Die Motoren haben die leichteren Teile, wie etwa die Propel­lerblätter, beim Eindringen in den Boden durch ihr Gewicht die Propeller hinter sich gelassen, denn sie fanden sich in geringerer Tiefe.

Luftbild aus dem Polizeihubschrauber, Ausgrabung: 20.8.2002


 

Neben verkohlten und angekohlten Teilen, die wirr durch­einander lagen, zeigte sich der lehmige Untergrund in zie­gelroter Verfärbung. Das gibt den sicheren Hinweis darauf, dass es in diesem Bereich auf dem Boden im Cockpit gebrannt haben muß. Das beweisen auch die hier gefunde­nen kalzinierten Knochenreste. Augenzeugen berichten auch weitgehend übereinstimmend, dass das Flugzeug bren­nend abgestürzt sei. Somit wird es am Boden auch noch weiter gebrannt haben. Dieser Schluß lässt sich aus dem nach dem Aufprall der Maschine aufgenommenen Photo ziehen, das wir erst am 13.12. 2002 erhielten. Deutlich steigt Rauch von der Absturzstelle auf. Gottfried Grad weiß zu berichten, er habe von einem Baumhaus am südlichen Orts­rand die Trümmer am Boden brennen sehen und dabei immer wieder ein „Schnellen" gehört. Möglicherweise rühr­ten diese kleineren Explosionen von im Feuer liegenden Leuchtpatronen her, von denen eine Hülse im Cockpitbe­reich gefunden wurde.

„Ich habe den Absturz von der ersten Entdeckung der Maschine bis zum Aufschlag auf dem Boden verfolgen kön­nen. Mein Standort war der so genannte Feldstadel in Zell, ein kleiner Ort, etwa 2.5 km südöstlich von Egling. Ich war damals 15 Jahre alt. Das in verschiedenen Veröffentlichun­gen angegebene Datum - 12. April 1944 - kann ich nicht bestätigen, da ich hierüber keine Aufzeichnung habe. Als Uhrzeit kann ich „kurz vor Mittag" angeben, da in der Küche das Mittagessen vorbereitet wurde.


Am Tag des Absturzes herrschte klares, wolkenloses, son­niges Wetter. Den ganzen Vormittag über und während der Zeit des Absturzes waren starke Luftangriffe durch Bomber östlich meines Standortes im Gange - also in Richtung Für­stenfeldbruck bzw. München - , was durch laute Detonati­onsgeräusche der Bomben hörbar war. Es war üblich, dass wir immer wieder mal den Himmel absuchten, um Flugzeu­ge zu entdecken. Bomber-Pulks der angreifenden B17- oder B24-Maschinen konnten diesmal nicht entdeckt werden, dafür aber die einzelne, sehr hoch fliegende P38 Ligthning.

Die Maschine flog auf einem geradlinigen Kurs von Osten her kommend Richtung Westen in sehr großer Höhe über meinen Standort hinweg. Wegen der großen Höhe war zunächst kein Motorengeräusch hörbar, auch waren keine sonst üblichen Kondensstreifen sichtbar. Meine damalige Schätzung der Höhe der Maschine lag bei 5-6000 m. Trotz der großen Entfernung war sie als P38 Ligthning erkennbar, da diese Doppelrumpfausführung von der Ferne eine Art quadratisches Profil abgibt.

Unmittelbar über meinem Standort waren plötzlich hinter den beiden Rümpfen kleine weiße und schwarze Rauchwol­ken sichtbar. Nach einer gewissen Zeit waren auch entspre­chende unregelmäßige Knattergeräusche hörbar. Unmittel­bar darauf ging das Flugzeug in den Sturzflug über. Seine Position war nun etwa zwischen Zell und Egling. Der weite­re Sturzflug erfolgte senkrecht nach unten, wobei sich die Maschine um die Längsachse drehte und spiralenförmig nach unten flog. Die Motorengeräusche waren jetzt deutlich hörbar und wurden immer lauter. Es klang, als liefen sie mit Vollgas. Auch die sich drehenden Propeller waren beim Näherkommen deutlich sichtbar. Da ich mit einem Angriff rechnen musste, nahm ich an der Wand des Feldstadels Deckung, ohne die Maschine aus den Augen zu lassen. Die Maschine setzte jedoch seinen Sturzflug fort und rammte mit dröhnenden Motoren und hoher Geschwindigkeit vor meinen Augen senkrecht in den Boden. Es gab eine riesige Explosion, einhergehend mit einer schwarzen Rauchwolke.

Ich suchte den Himmel nach weiteren Flugzeugen bzw. einem Fallschirm ab, jedoch ohne Ergebnis. Ich rannte mit Freunden zur Absturzstelle. Wir sahen den tiefen Krater, in dem noch Feuer brannte, und viele herumliegende Bruch­stücke, die z.T. auch noch brannten. Insbesondere erinnere ich mich noch an verbogene Propellerblätter, Sauerstoff­flaschen und einen Turbolader.

Fazit: Nach meinem damaligen Verständnis handelte es sich um einen Begleitjäger der im Raum München operie­renden Bomber, der dort angeschossen wurde und dessen Pilot verwundet wurde oder anderweitig ohnmächtig war, was zum Absturz führte."

Diesen Augenzeugenbericht verfasste Rudolf Gürtler am 11.2.2003. Er deckt sich weitgehend mit den mündlichen Augenzeugenberichten von Grad, Grundler, Klingl, Mayr, die den Absturz beobachten konnten.

Untersuchung und Auswertung

Die menschlichen Überreste, an die 100 Knochenteile von unter 1 cm - 14 cm Länge, wurden an Herrn Kriminalkom­missar Rupert Kramer am 20.8. zur weiteren Untersuchung übergeben.

David Roath, Director United States Army Memorial Affairs Activity Europe, nahm am 22.8. alle sterblichen Überreste entgegen, dazu waren auch noch die am 21.8. gefundenen Knochenteile gekommen. David Roath und sein Team hat das gesamte Fundgut gesichtet, Teile auch photo- graphiert und für die spätere Dokumentation die wichtigsten Objekte registriert. Einige Belegstücke, besonders solche, die für die Identifikation des Flugzeugtyps wichtig waren, hat er verpackt und mitgenommen.

Es blieben noch viele Groß- und Kleinteile übrig. Sie wur­den später gewaschen und sortiert. Das angefallene Erdreich wurde gesiebt und dabei noch viele Kleinteile entdeckt. Einige auf diese Weise noch gefundene Objekte wurden am 21.10.02 an Douglas Baty, US Army, übergeben.

Ein Propellerblatt ging an den Grundeigentümer Brau­müller, das andere wurde dem Dorfmuseum überlassen und Teile des Motors blieben bei der Landmaschinenwerkstatt Berchtold, wo alle Fundstücke während und nach der Gra­bung gelagert waren.

Der verbleibende Rest der Wrackteile wurde auf drei Paletten im Fliegerhorst Penzing untergebracht. Von dort haben ein Redakteur und ein Kameramann von „Daily Mir- ror" den Transport nach England übernommen und überga­ben die Relikte der Ligthning an einen fliegerischen Traditi­onsverein in Mount Farm, von wo Warby gestartet und nicht mehr zurückgekehrt war.

Am 16.8.2003 wurde die angekohlte Filmrolle an Luft­waffenattache John Moloney, Britische Botschaft Berlin, zur weiteren Untersuchung übergeben.

Eine abschließende Wertung aller Funde und Befunde machte es immer sicherer, dass es sich bei dem am 12. April 1944 abgestürzten Fugzeug nur um die Aufklärungsversion Lockheed Ligthning P-38 5FB und den Piloten Warby han­deln kann. Wichtige Belege dafür sind:

-   Keine Waffen an Bord, dafür aber Kameras und eine großformatige Filmrolle.

-   Blaue Bemalung an einigen Wrackteilen, die nur bei Aufklärungsflugzeugen dieses Typs an der Unterseite aufge­tragen war.

-  Ort und Zeit passen zu der am 12.4.1944 in Mount Farm Airbase, England gestarteten Ligthning.

-   Captain Carl Chapman begleitete Warby in einer Maschine gleichen Typs.

-   Im Raum München hat er zum verabredeten Zeitpunkt keinen Funkkontakt mit Warby bekommen.

-   Chapman kehrte am selben Tag nach Mount Farm zurück - Warby galt seither als vermisst.

-  Eine Batterie der 26.Flak-Division meldet an diesem Tag einen Treffer einer Ligthning. *

-   Weitere Flakstellungen im Augsburger Raum geben an diesem Tag Schüsse auf eine Ligthning ab.

-   Director David Roath, United States Army Memorial Affairs Activity Europe, legte dazu ein umfangreiches Memorandum vor, das alle Untersuchungen in folgendem Satz zusammenfasst: „Based on evidence of historical reports, onsite investigations, and aircraft artifacts the skele- tal remains associated with this crash site are believed to be the remains of Wg Cdr Warburton."

Das umfangreiche Memorandum legte David Roath am 11.12.2002 im Beisein des Bürgermeisters Wörl, zweier Ausgräber, eines Augenzeugen und englischer Fernsehre­porter vor.

Professor Dr. Pankraz Fried bringt eine Würdigung dieser Ausgrabung in seinem Bericht über die Zusammenkunft am 11.12.2002 im Eglinger Rathaus kurz und prägnant zu Papier:

„Es war eine humanitäre Tat im Sinne christlicher Näch­sten* und Feindesliebe, die auch zur Völkerverständigung nach den schrecklichen beiden Kriegen beiträgt."

Die gleiche Dokumentation hatte Ende November das Bri­tische Verteidigungsministerium (MoD) und die Royal Air Force (RAF) in England bekommen. Die Medien waren dar­aufhin voll von Berichten über ihren Kriegshelden Warby.

Die deutschen Medien haben am 16.12. 2002, allen voran FOCUS, von der Ausgrabung in Egling und auch von dem Untersuchungsergebnis berichtet. Nach 58 Jahren wurde damit der dramatische Absturz des englischen Fliegerhelden weitgehend geklärt, um den sich im Laufe der Jahre so man­che Gerüchte rankten.

Ehrenvolle Bestattung

Für die noch lebenden Angehörigen und Freunde war es nach vielen Jahren der Ungewissheit ein Trost, als ihr Adrian Warburton im alliierten Soldatenfriedhof Dürnbach bei Gmund am Tegernsee mit allen militärischen Ehren und mit internationaler Beteiligung am 14. 5. 2003 bestattet wurde.

Seine hoch betagte Witwe war aus Australien angereist, um an seinem Grab tief bewegt Abschied zu nehmen. Am Vorabend hat sie bei einer Pressekonferenz den Medien berichtet, dass sie nach der Eheschließung mit Warby nur einige Tage zusammengelebt habe, dann musste er in den Krieg ziehen.

Beerdigung in Dürnbach, 14.5.2003

Am Ostermontag, dem 12.4.2004, am 60. Jahrestag des Absturzes zelebrierte der ehemalige Bischof von Regens­burg in St. Vitus in Egling einen Versöhnungs- und Friedens­gottesdienst. Bischof Manfred Müller war es ein Herzensan­liegen an den hier abgestürzten Aufklärungspiloten zu gedenken. Als 17 jähriger Gymnasiast war er 1944 in Augs­burg Flakhelfer. Es kann sein, dass seine Batterie die Light­ning so getroffen hat, dass sie wenig später südlich von Egling zerschellte. In seiner Predigt ging Bischof Müller auf seine damaligen Erlebnisse und Beobachtungen ein und schilderte den Dienst der Gymnasiasten an den Kanonen der Flugabwehr. Aus heutiger Sicht dürfe es aber kein Freund- Feind-Denken mehr geben, sondern es müsse eine Versöh­nung der Völker erreicht und ein dauerhafter Friede erhalten werden.

Bischof Manfred Müller, 12.4.2004, mit Pfarrer Kahnert und Dom vikar Richard Völkl

Im November 2006 ließ Professor Dr. p. Fried einen Find­ling aus der nahen Kiesgrube von Hattenhofen ca. 100 m von der Grabungsstelle entfernt mit Zustimmung von Bür­germeister Wörl aufstellen. Bauunternehmer Stebner aus Eresried transportierte unentgeltlich den tonnenschweren Stein, Steinmetz Thomas Bartl von Egling gestaltete die Gedenkplatte, die von den Ausgräbern textlich formuliert und auch finanziert wurde.



 


 


Die Witwe legt Blumen am Grab nieder, 14.5.2003


Grabstein Warburtons in Dürnbach



1 Kriegstagebuch des OKW 1944-1945 I, S.968 f



[1] 20.12. 2000: Schreiben von Frank G.Dorber an das Matrikelamt der Erzdiözese München-Freising