Denkmal

Kirche

Ort

1805 1866 1870

1. u. 2. WK

Teilnehmer

Sonstiges

Liane Stange  geb. 06.12.1928    gef. 28.04.1945

     Der Soldatentod der Liane Stange
Einen Tag nach der Einnahme von Dietmannsried am Freitag den 27. April 1945 durch amerikanische Truppen, wurde die sechzehnjährige Schülerin Liane Stange erschossen. Sie starb wahrscheinlich durch ein Versehen der neuen Besatzungssoldaten, die in einem mit Maschinengewehr bewaffneten Jeep auf Patrouille waren.
Obwohl es schwer und mühevoll war nach 62 Jahren den genauen Hergang des tragischen Ereignisses zu ermitteln versuchte ich es trotzdem. Es gelang mir wesentliche Details durch Befragung vieler älterer Bürger, die mit den Mädchen der damaligen Kinderlandverschickung (KLV) Kontakt hatten oder sich ganz einfach daran erinnern können, festzuhalten. Ich zeichne nur absolut verlässliche Aussagen und eigene Erinnerungen in den nachfolgenden Zeilen auf:
Liane Stange gehörte zu einer Gruppe junger Damen im Teenageralter, die man im letzten Kriegsjahr von ihren durch ständige alliierte Bomberangriffe enorm gefährdeten Heimatstädten in den Industriezentren rund um das Ruhrgebiet im Zuge der KLV, aussiedelte. Eine Gruppe von etwa zwanzig bis fünfundzwanzig solcher Mädchen war im kleinen Saal des hiesigen Gasthofes Ochsen einquartiert. Sie schliefen dort in einfachen Stockbetten und hatten im durch eine verschiebbare Holzwand getrennten großen Saal Unterricht. Sie wurden von der Gruppenleiterin Frau Irmgard Sack sowie den zwei Lehrerinnen Frau Franziska Jörissen und Frau Sauter geführt, die ebenfalls aus den genannten Ballungszentren stammten.
Nach Kriegsende verließ als einzige Frau Sauter, nachdem sie noch einige Zeit an der hiesigen Volksschule unterrichtete, unseren Ort. Die beiden anderen Damen verehelichten sich mit Dietmannsrieder Männern. Aus Frau Sack wurde Frau Graf und aus Frau Jörissen Frau Homanner. Sie lebten bei uns bis zu ihrem Tod im hohen Alter.
Die Schülerin Liane Stange stammte ursprünglich aus Brasilien und wurde am 6. Dezember 1928 in der Stadt Blumenau im Land Santa Catarina in Südbrasilien geboren. Ihre Eltern waren unter den tausenden Deutschen, die nach dem ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) nach Brasilien auswanderten. Sie lebten in der von Deutschen Aussiedlern um 1850 gegründeten Stadt Blumenau und zuletzt in Florianopolis wo sie sich eine Existenz aufgebaut hatten.
Als Hitler ab Mitte der 1930er Jahre weltweit mit großen Versprechungen alle Auslandsdeutschen zurück ins Deutsche Reich rief, folgten viele dieser fatalen Aufforderung. Darunter befand sich auch die Familie Hugo und Irma Stange mit ihren beiden Töchtern Ingeborg und Liane. Sie verkauften Hab und Gut und

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kamen mit einem der letzten Schiffe vor Kriegsausbruch 1939 in Deutschland an. Die Familie lebte in Düsseldorf, der Vater war Schlosser die Mutter Schneiderin. Vater Hugo musste in Stettin arbeiten - vielleicht in einer Werft für Kriegsschiffe - Mutter Irma übte ihren erlernten Beruf in Düsseldorf aus.
Die noch in Dietmannsried lebende Hartwiga Haas (geb. Vollmer) und Traudl Regele (geb. Leis) jetzt in Bozen (Italien) wohnhaft gingen nachdem die Mädchenoberschule (Lyzeum) in Kempten in den letzten Kriegswochen geschlossen wurde noch kurzzeitig mit den KLV-Mädchen im Ochsen zur Schule. Besonders Frau Regele kann sich an Liane noch gut erinnern und glaubt, dass sie Klassensprecherin und außerdem ein hübsches Mädchen mit einer besonderen Ausstrahlung war.
Lianes schicksalhafter Tod
Als am Freitag dem 27. April 1945 um die Mittagszeit die Amerikaner kampflos unseren Ort besetzten, waren die Mädchen des KLV-Lagers noch zusammen im Ochsen (vielleicht die erste Stunde im Keller). Auch die darauf folgende Nacht schliefen sie noch in ihrem Quartier im kleinen Ochsensaal. Polnische Zwangsarbeiter, die bisher einzeln bei verschiedenen Landwirten arbeiten mussten, dort aber Schlafstellen in Betten hatten und zum Essen mit am Familientisch saßen, rotteten sich bereits am Samstag 28. April zusammen. Sie vertrieben die KLV-Mädchen aus deren Quartier und bezogen es, da sie wahrscheinlich ab nun in der wiedererlangten Freiheit unter sich sein wollten. Die Schülerinnen standen dadurch mit einem Schlag samt ihrer wenigen Habe auf der Straße. Dazu muss noch erwähnt werden, dass in den ersten Tagen und Wochen nach Einzug der Amerikaner totales Chaos herrschte. Behörden waren aufgelöst oder geschlossen, Brücken gesprengt, alle öffentlichen Verkehrsmittel standen still, es gab eine nächtliche Ausgangssperre, die um 18 Uhr abends begann. Ein Auto hatte bei uns noch fast niemand und wenn, dann fehlte der Treibstoff und eine Fahrgenehmigung. Für die Mädchen war es nun besonders dramatisch, da sie auch noch von ihren bereits genannten drei Betreuerinnen aus welchen Gründen auch immer, angeblich im Stich gelassen wurden. Unser damaliger Altbürgermeister Baumberger - ein Ochsennachbar - bot den Schülerinnen seine aufgelassene ehemalige Spenglerwerkstatt als Notquartier an, darin kamen etwa 12 bis 15 von ihnen bescheidenst unter. Alle weiteren Mädchen machten sich auf um im völlig von Bombengeschädigten, Wehrmachtshelferinnen usw. überfüllten Ort eine Bleibe zu suchen. Dabei kam Liane am späteren Nachmittag des 28. April mit weiteren drei Klassenkameradinnen in den Weiler Atzenberg. Dort sprachen sie beim Landwirt und Bürgermeister Klotz vor. Sie trafen dort nur Frau Klotz, den damals sechzehnjährigen Sohn Leonhard und den Knecht Josef Schmaus an. Da ganz Atzenberg bereits überfüllt war, empfahlen sie den Mädchen ihr Glück im ca. 1,5 km entfernten Weiler Ellensberg zu versuchen. Aus nicht mehr klärbaren

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Gründen gingen sie dann, nachdem anscheinend auch in Ellensberg kein Quartier zu bekommen war, auf einem anderen Weg zurück. Dieser verlief am Waldrand oberhalb des Illertaleinschnittes und wäre an Atzenberg vorbei, zurück nach Dietmannsried etwas kürzer gewesen. Ob das der Grund für diese Wahl des Rückweges war, oder ob sie davor Angst hatten den über freies gut einsehbares Gelände führenden Hinweg zu nehmen bleibt wohl für immer ein Rätsel. Der zum Anmarsch benutzte Fahrweg über Atzenberg wäre sicher die bessere Lösung gewesen, denn die Amerikaner schossen einen Tag nach dem Einzug auf niemanden mehr, der offen und ohne Waffen herumlief. Ich muss aber auch darauf hinweisen, dass sich noch mehrere Tage nach der Besetzung unseres Gebiets einige deutsche Soldaten in Wäldern, Heustadeln und Wohnhäusern unbewaffnet versteckt hielten. Davon wussten natürlich auch die Besatzer glaubten aber meist nicht an deren Harmlosigkeit. Die deutschen Landser wollten lediglich der Gefangenschaft entgehen. Sie beschafften sich, wenn möglich Zivilkleidung bei der Bevölkerung um nach Beruhigung der Lage zu Fuß ihren Heimweg anzutreten.
Nach reiflicher Überlegung und Aufsuchung der Unglücksstelle Ende April dieses Jahres wegen des zu dieser Jahreszeit eventuell möglichen Laubaustriebes, sowie Besprechungen mit sachlichen älteren Bürgern die zur Geschehenszeit im Jugendalter waren, wage ich nachfolgenden Rekonstruktionsversuch: Da die vier Mädchen wie bereits aufgeführt als kleine Gruppe am Waldrand oberhalb des Steilhanges zum Illertal gingen wurden sie von einem auf der Laubener Straße nahe Hinwang fahrenden amerikanischen Patrouillenjeep vermutlich für versprengte deutsche Wehrmachtsangehörige gehalten. Es kam noch dazu, dass die vier graue Mäntel trugen und von der Jeepbesatzung durch die zu dieser Zeit noch fast laubfreien Büsche und Bäume von der im Tal liegenden Straße aus nur schemenhaft gesehen werden konnten. Die Amerikaner reagierten, da sie sich vielleicht selbst in Gefahr sahen, sofort mit Maschinengewehrbeschuss auf die vermeintlichen deutschen Soldaten und trafen Liane mit einem Kopfschuss. Daß sie dabei ein harmloses, hübsches sechzehnjähriges Mädchen in den Tod geschickt hatten, werden sie wohl nie erfahren haben. Wie der Zeitzeuge Leonhard Klotz berichtet, rannten die drei unverletzt gebliebenen Mädchen zum Anwesen Klotz nach dem nur mehrere hundert Meter entfernten Atzenberg zurück. Sie erzählten das Geschehene und dass ihre Freundin blutend und reglos liegen geblieben war. Sohn Leonhard und der Knecht Josef Schmaus, die natürlich das nahe Maschinengewehrfeuer gehört hatten reagierten augenblicklich indem Herr Schmaus mit den drei unter Schock stehendenjungen Damen sofort mit zur Unglücksstelle ging. Sie fanden Liane Stange leblos noch an der gleichen Stelle liegen und stellten ihren Tod fest. Der Knecht ging wieder zurück und holte einen damals auf den Bauernhöfen üblichen einrädrigen Handschubkarren, lud den leblosen Körper auf und brachte ihn zum Hof. Da nun schon die abendliche von den Besetzern verordnete Ausgangssperre herannahte kam die Tote über Nacht in die Garage wo sie auf

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leere Säcke gebettet ruhte. Am Sonntagmorgen wurde der Leichnam von dem örtlichen Frachtzusteller Georg Rauh (allgemein nur als Brotschorsch bekannt) auf einen von einem Pferd gezogenen so genannten Bruckenwagen zum Leichenhaus gebracht. Sie wurde dort zu den bereits aufgebarten sieben toten deutschen Soldaten, die am Einmarschtag zwischen Dietmannsried und Heising gefallen waren, gelegt.
Lianes Überführung durch den Friedhof sah ich selbst als ich nach der sonntäglichen Frühmesse mit meiner Mutter als damals Elfjähriger am Grab meiner Großeltern stand. Von dem darauf folgenden Leichenhausbesuch kann ich mich noch gut an die durch den Einschuss am Kopf verursachte Wunde in der Nähe des Ohres erinnern, ebenso an den eigentlich friedlich wirkenden unverzerrten Gesichtsausdruck der Toten. Klassenkameradinnen und Mädchen aus Dietmannsried banden ihr später ein Diadem aus Blumen und legten es ihr über die Stirn, außerdem machten sie Blumensträußlein und gaben Liane und den toten Soldaten je eines in die Hand. Am Montag Nachmittag dem 30. April wurde sie dann zusammen mit den Soldaten in einfachen ungestrichenen Fichtenholzsärgen von Pfarrer Kiderle im Heldengrab beerdigt. Der für den Ort zuständige Schreinermeister für Totenbestattungen Anton Homanner sen. entlehnte noch vorher vier Särge bei der Schreinerei Kösel in Oberried, da er selbst auf die für unsere Gemeinde plötzlich hohe Zahl von verstorbenen nicht vorbereitet war, damit die nun acht Kriegstoten in Würde der Erde überlassen werden konnten. Liane liegt auch heute noch im Heldengrab ihr Name ist in die Gedenktafel mit die gefallenen Soldaten eingemeißelt.
Erst einige Wochen nach den gröbsten Unwirren des Umsturzes konnte Lianes Mutter zu uns nach Dietmannsried kommen um ihre Tochter abzuholen. Es muss für sie sehr bestürzend und schmerzlich gewesen sein als sie auf der Straße erfuhr wie es Liane ergangen war. Weitere Monate später kam Frau Stange mit ihrer zweiten Tochter nochmals in unseren Ort, sie soll dabei in der Nähe der Unglücksstelle am Abhang im Gebüsch noch die Handtasche mit allem Inhalt von Liane gefunden haben. Die Familie Stange beauftragte den hiesigen Steinmetzmeister Josef Stingl bei einem späteren, abermaligen Ortsbesuch an der Geschehensstätte einen Gedenkstein aufzustellen. Das kleine Denkmal steht noch immer an seinem Platz. Es ist in gutem Zustand, da es vom pensionierten Altbauern Georg Klotz ständig gepflegt wird, er hat z.B. auch heuer wieder an der dabeistehenden Bank neue Sitzbretter angebracht.
Den Anstoß für meine intensiven Nachforschungen erhielt ich durch den überraschenden Besuch von Lianes Neffen (Sohn von Lianes Schwester Ingeborg) Hans Ulrich Frank mit seiner Frau am 27. März dieses Jahres bei mir zu Hause. Herr Frank lebt in Brasilien und war auf einer Geschäftsreise in Deutschland, dabei wollte er den Gedenkstein aufsuchen, zu dem ich dann mit ihm und seiner Frau fuhr.

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Das tragische Geschehen um den einzigen Kriegstoten aus unserer damaligen Gemeinde bei der Eroberung durch die Amerikaner am 27. April 1945 habe ich hauptsächlich erforscht und zu Papier gebracht um es der heutigen und späteren Generationen in Dietmannsried aber auch den Verwandten von Liane Stange in Brasilien im Gedächtnis zu bewahren.
Im September 2007 Siegfried Sailer