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Der Soldatentod der Liane Stange
Einen Tag nach der Einnahme von Dietmannsried am Freitag den 27.
April 1945 durch amerikanische Truppen, wurde die sechzehnjährige
Schülerin Liane Stange erschossen. Sie starb wahrscheinlich durch
ein Versehen der neuen Besatzungssoldaten, die in einem mit
Maschinengewehr bewaffneten Jeep auf Patrouille waren.
Obwohl es schwer und mühevoll war nach 62 Jahren den genauen Hergang
des tragischen Ereignisses zu ermitteln versuchte ich es trotzdem.
Es gelang mir wesentliche Details durch Befragung vieler älterer
Bürger, die mit den Mädchen der damaligen Kinderlandverschickung
(KLV) Kontakt hatten oder sich ganz einfach daran erinnern können,
festzuhalten. Ich zeichne nur absolut verlässliche Aussagen und
eigene Erinnerungen in den nachfolgenden Zeilen auf:
Liane Stange gehörte zu einer Gruppe junger Damen im Teenageralter,
die man im letzten Kriegsjahr von ihren durch ständige alliierte
Bomberangriffe enorm gefährdeten Heimatstädten in den
Industriezentren rund um das Ruhrgebiet im Zuge der KLV,
aussiedelte. Eine Gruppe von etwa zwanzig bis fünfundzwanzig solcher
Mädchen war im kleinen Saal des hiesigen Gasthofes Ochsen
einquartiert. Sie schliefen dort in einfachen Stockbetten und hatten
im durch eine verschiebbare Holzwand getrennten großen Saal
Unterricht. Sie wurden von der Gruppenleiterin Frau Irmgard Sack
sowie den zwei Lehrerinnen Frau Franziska Jörissen und Frau Sauter
geführt, die ebenfalls aus den genannten Ballungszentren stammten.
Nach Kriegsende verließ als einzige Frau Sauter, nachdem sie noch
einige Zeit an der hiesigen Volksschule unterrichtete, unseren Ort.
Die beiden anderen Damen verehelichten sich mit Dietmannsrieder
Männern. Aus Frau Sack wurde Frau Graf und aus Frau Jörissen Frau
Homanner. Sie lebten bei uns bis zu ihrem Tod im hohen Alter.
Die Schülerin Liane Stange stammte ursprünglich aus Brasilien und
wurde am 6. Dezember 1928 in der Stadt Blumenau im Land Santa
Catarina in Südbrasilien geboren. Ihre Eltern waren unter den
tausenden Deutschen, die nach dem ersten Weltkrieg (1914 bis 1918)
nach Brasilien auswanderten. Sie lebten in der von Deutschen
Aussiedlern um 1850 gegründeten Stadt Blumenau und zuletzt in
Florianopolis wo sie sich eine Existenz aufgebaut hatten.
Als Hitler ab Mitte der 1930er Jahre weltweit mit großen
Versprechungen alle Auslandsdeutschen zurück ins Deutsche Reich
rief, folgten viele dieser fatalen Aufforderung. Darunter befand
sich auch die Familie Hugo und Irma Stange mit ihren beiden Töchtern
Ingeborg und Liane. Sie verkauften Hab und Gut und
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kamen mit einem der letzten Schiffe vor Kriegsausbruch 1939 in
Deutschland an. Die Familie lebte in Düsseldorf, der Vater war
Schlosser die Mutter Schneiderin. Vater Hugo musste in Stettin
arbeiten - vielleicht in einer Werft für Kriegsschiffe - Mutter Irma
übte ihren erlernten Beruf in Düsseldorf aus.
Die noch in Dietmannsried lebende Hartwiga Haas (geb. Vollmer) und
Traudl Regele (geb. Leis) jetzt in Bozen (Italien) wohnhaft gingen
nachdem die Mädchenoberschule (Lyzeum) in Kempten in den letzten
Kriegswochen geschlossen wurde noch kurzzeitig mit den KLV-Mädchen
im Ochsen zur Schule. Besonders Frau Regele kann sich an Liane noch
gut erinnern und glaubt, dass sie Klassensprecherin und außerdem ein
hübsches Mädchen mit einer besonderen Ausstrahlung war.
Lianes schicksalhafter Tod
Als am Freitag dem 27. April 1945 um die Mittagszeit die Amerikaner
kampflos unseren Ort besetzten, waren die Mädchen des KLV-Lagers
noch zusammen im Ochsen (vielleicht die erste Stunde im Keller).
Auch die darauf folgende Nacht schliefen sie noch in ihrem Quartier
im kleinen Ochsensaal. Polnische Zwangsarbeiter, die bisher einzeln
bei verschiedenen Landwirten arbeiten mussten, dort aber
Schlafstellen in Betten hatten und zum Essen mit am Familientisch
saßen, rotteten sich bereits am Samstag 28. April zusammen. Sie
vertrieben die KLV-Mädchen aus deren Quartier und bezogen es, da sie
wahrscheinlich ab nun in der wiedererlangten Freiheit unter sich
sein wollten. Die Schülerinnen standen dadurch mit einem Schlag samt
ihrer wenigen Habe auf der Straße. Dazu muss noch erwähnt werden,
dass in den ersten Tagen und Wochen nach Einzug der Amerikaner
totales Chaos herrschte. Behörden waren aufgelöst oder geschlossen,
Brücken gesprengt, alle öffentlichen Verkehrsmittel standen still,
es gab eine nächtliche Ausgangssperre, die um 18 Uhr abends begann.
Ein Auto hatte bei uns noch fast niemand und wenn, dann fehlte der
Treibstoff und eine Fahrgenehmigung. Für die Mädchen war es nun
besonders dramatisch, da sie auch noch von ihren bereits genannten
drei Betreuerinnen aus welchen Gründen auch immer, angeblich im
Stich gelassen wurden. Unser damaliger Altbürgermeister Baumberger -
ein Ochsennachbar - bot den Schülerinnen seine aufgelassene
ehemalige Spenglerwerkstatt als Notquartier an, darin kamen etwa 12
bis 15 von ihnen bescheidenst unter. Alle weiteren Mädchen machten
sich auf um im völlig von Bombengeschädigten, Wehrmachtshelferinnen
usw. überfüllten Ort eine Bleibe zu suchen. Dabei kam Liane am
späteren Nachmittag des 28. April mit weiteren drei
Klassenkameradinnen in den Weiler Atzenberg. Dort sprachen sie beim
Landwirt und Bürgermeister Klotz vor. Sie trafen dort nur Frau
Klotz, den damals sechzehnjährigen Sohn Leonhard und den Knecht
Josef Schmaus an. Da ganz Atzenberg bereits überfüllt war, empfahlen
sie den Mädchen ihr Glück im ca. 1,5 km entfernten Weiler Ellensberg
zu versuchen. Aus nicht mehr klärbaren
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Gründen gingen sie dann, nachdem anscheinend auch in Ellensberg kein
Quartier zu bekommen war, auf einem anderen Weg zurück. Dieser
verlief am Waldrand oberhalb des Illertaleinschnittes und wäre an
Atzenberg vorbei, zurück nach Dietmannsried etwas kürzer gewesen. Ob
das der Grund für diese Wahl des Rückweges war, oder ob sie davor
Angst hatten den über freies gut einsehbares Gelände führenden
Hinweg zu nehmen bleibt wohl für immer ein Rätsel. Der zum Anmarsch
benutzte Fahrweg über Atzenberg wäre sicher die bessere Lösung
gewesen, denn die Amerikaner schossen einen Tag nach dem Einzug auf
niemanden mehr, der offen und ohne Waffen herumlief. Ich muss aber
auch darauf hinweisen, dass sich noch mehrere Tage nach der Besetzung
unseres Gebiets einige deutsche Soldaten in Wäldern, Heustadeln und
Wohnhäusern unbewaffnet versteckt hielten. Davon wussten natürlich
auch die Besatzer glaubten aber meist nicht an deren Harmlosigkeit.
Die deutschen Landser wollten lediglich der Gefangenschaft entgehen.
Sie beschafften sich, wenn möglich Zivilkleidung bei der Bevölkerung
um nach Beruhigung der Lage zu Fuß ihren Heimweg anzutreten.
Nach reiflicher Überlegung und Aufsuchung der Unglücksstelle Ende
April dieses Jahres wegen des zu dieser Jahreszeit eventuell
möglichen Laubaustriebes, sowie Besprechungen mit sachlichen älteren
Bürgern die zur Geschehenszeit im Jugendalter waren, wage ich
nachfolgenden Rekonstruktionsversuch: Da die vier Mädchen wie
bereits aufgeführt als kleine Gruppe am Waldrand oberhalb des
Steilhanges zum Illertal gingen wurden sie von einem auf der
Laubener Straße nahe Hinwang fahrenden amerikanischen
Patrouillenjeep vermutlich für versprengte
deutsche Wehrmachtsangehörige gehalten. Es kam noch dazu, dass die
vier graue Mäntel trugen und von der Jeepbesatzung durch die zu
dieser Zeit noch fast laubfreien Büsche und Bäume von der im Tal
liegenden Straße aus nur schemenhaft gesehen werden konnten. Die
Amerikaner reagierten, da sie sich vielleicht selbst in Gefahr
sahen, sofort mit Maschinengewehrbeschuss auf die vermeintlichen
deutschen Soldaten und trafen Liane mit einem Kopfschuss. Daß sie dabei ein
harmloses, hübsches sechzehnjähriges Mädchen in den Tod geschickt
hatten, werden sie wohl nie erfahren haben. Wie der Zeitzeuge
Leonhard Klotz berichtet, rannten die drei unverletzt gebliebenen
Mädchen zum Anwesen Klotz nach dem nur mehrere hundert Meter
entfernten Atzenberg zurück. Sie erzählten das Geschehene und dass
ihre Freundin blutend und reglos liegen geblieben war. Sohn Leonhard
und der Knecht Josef Schmaus, die natürlich das nahe
Maschinengewehrfeuer gehört hatten reagierten augenblicklich indem
Herr Schmaus mit den drei unter Schock stehendenjungen Damen sofort
mit zur Unglücksstelle ging. Sie fanden Liane Stange leblos noch an
der gleichen Stelle liegen und stellten ihren Tod fest. Der Knecht
ging wieder zurück und holte einen damals auf den Bauernhöfen
üblichen einrädrigen Handschubkarren, lud den leblosen Körper auf
und brachte ihn zum Hof. Da nun schon die abendliche von den
Besetzern verordnete Ausgangssperre herannahte kam die Tote über
Nacht in die Garage wo sie auf
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leere Säcke gebettet ruhte. Am Sonntagmorgen wurde der Leichnam von
dem örtlichen Frachtzusteller Georg Rauh (allgemein nur als
Brotschorsch bekannt) auf einen von einem Pferd gezogenen so
genannten Bruckenwagen zum Leichenhaus gebracht. Sie wurde dort zu
den bereits aufgebarten sieben toten deutschen Soldaten, die am
Einmarschtag zwischen Dietmannsried und Heising gefallen waren,
gelegt.
Lianes Überführung durch den Friedhof sah ich selbst als ich nach
der sonntäglichen Frühmesse mit meiner Mutter als damals Elfjähriger
am Grab meiner Großeltern stand. Von dem darauf
folgenden
Leichenhausbesuch kann ich mich noch gut an die durch den Einschuss
am Kopf verursachte Wunde in der Nähe des Ohres erinnern, ebenso an
den eigentlich friedlich wirkenden unverzerrten Gesichtsausdruck der
Toten. Klassenkameradinnen und Mädchen aus Dietmannsried banden ihr
später ein Diadem aus Blumen und legten es ihr über die Stirn,
außerdem machten sie Blumensträußlein und gaben Liane und den toten
Soldaten je eines in die Hand. Am Montag Nachmittag dem 30. April
wurde sie dann zusammen mit den Soldaten in einfachen ungestrichenen
Fichtenholzsärgen von Pfarrer Kiderle im Heldengrab beerdigt. Der
für den Ort zuständige Schreinermeister für Totenbestattungen Anton
Homanner sen. entlehnte noch vorher vier Särge bei der Schreinerei
Kösel in Oberried, da er selbst auf die für unsere Gemeinde
plötzlich hohe Zahl von verstorbenen nicht vorbereitet war, damit
die nun acht Kriegstoten in Würde der Erde überlassen werden
konnten. Liane liegt auch heute noch im Heldengrab ihr Name ist in
die Gedenktafel mit die gefallenen Soldaten eingemeißelt.
Erst einige Wochen nach den gröbsten Unwirren des Umsturzes konnte
Lianes Mutter zu uns nach Dietmannsried kommen um ihre Tochter
abzuholen. Es muss für sie sehr bestürzend und schmerzlich gewesen
sein als sie auf der Straße erfuhr wie es Liane ergangen war.
Weitere Monate später kam Frau Stange mit ihrer zweiten Tochter
nochmals in unseren Ort, sie soll dabei in der Nähe der
Unglücksstelle am Abhang im Gebüsch noch die Handtasche mit allem
Inhalt von Liane gefunden haben. Die Familie Stange beauftragte den
hiesigen Steinmetzmeister Josef Stingl bei einem späteren,
abermaligen Ortsbesuch an der Geschehensstätte einen Gedenkstein
aufzustellen. Das kleine Denkmal steht noch immer an seinem Platz.
Es ist in gutem Zustand, da es vom pensionierten Altbauern Georg
Klotz ständig gepflegt wird, er hat z.B. auch heuer wieder an der
dabeistehenden Bank neue Sitzbretter angebracht.
Den Anstoß für meine intensiven Nachforschungen erhielt ich durch
den überraschenden Besuch von Lianes Neffen (Sohn von Lianes
Schwester Ingeborg) Hans Ulrich Frank mit seiner Frau am 27. März
dieses Jahres bei mir zu Hause. Herr Frank lebt in Brasilien und war
auf einer Geschäftsreise in Deutschland, dabei wollte er den
Gedenkstein aufsuchen, zu dem ich dann mit ihm und seiner Frau fuhr.
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Das tragische Geschehen um den einzigen Kriegstoten aus unserer
damaligen Gemeinde bei der Eroberung durch die Amerikaner am 27.
April 1945 habe ich hauptsächlich erforscht und zu Papier gebracht
um es der heutigen und späteren Generationen in Dietmannsried aber
auch den Verwandten von Liane Stange in Brasilien im Gedächtnis zu
bewahren.
Im September 2007 Siegfried Sailer
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