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Kirche |
Ort |
1805 1866 1870 |
Wk1 und Wk2 Kriegstotenliste |
Sonstiges |
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Beschreibung von Herrn Rautenhaus |
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Auf dem Marburger Hauptfriedhof
rechts unterhalb des Gräberfeldes des ersten Weltkrieges befindet
sich ein kleines Gräberfeld, auf dem unter anderen Soldaten auch 18
russische Krieger des ersten Weltkrieges, die in der chirurgischen
Klinik - genau wie die anderen Kriegstoten - nach langem Leiden
ihren unheilbaren Verletzungen erlegen sind, ihre letzte Ruhestätte
gefunden haben. Ein verwunschener Ort ist es, so sehr beschattet von alten hohen Bäumen, daß dort nur Moos wächst. Bänke laden zum Verweilen ein. In den Boden sind 16 Granitplatten mit Namen russischer Krieger eingelassen. Zudem befinden sich dort noch zwei kunstvoll gestaltete kyrillisch beschriftete Grabdenkmale. Das am unteren Ende gelegene ist aus hellem, das am oberen Ende gelegene aus dunklerem Stein gebildet. Mit einem kleinen physikalischen Trick konnte ich die stark verrwitterten Inschriften für kurze Zeit lesbar machen. Die des oberen Denkmals lautet: "Kamerad! Es tut uns leid, Euch hier zurückzulassen, aber wir stellen euch zur Gedächtnis ein Kreuz auf. Timofeij L. Timofejew. Verstorben 1919 am 6. Januar." Diese Inschrift ist noch mit dem vor-revolutionären Alphabet geschrieben. Die des unteren, helleren Denkmals lautet: "Kameraden, Es tut uns im Herzen weh, Brüder, euch zurückzulassen und als Erinnerungs-Geschenk stellen wir Euch ein Kreuz auf. In Marburg 1918." Die Anrede Towa´risch, die unter den russischen Soldaten offenbar damals üblich war, habe ich mit "Kamerad" übersetzt. Die korrekten Übersetzungen verdanke ich einem ukrainischen Studenten, bei dem ich mich hier ausdrücklich dafür bedanke. Kreuze haben ihnen die Kameraden zur Gedächtnis gesetzt: doch wo sind sie? Ich habe sie noch gesehen: kunstvoll und filigran gebildete orthodoxe Kreuze. Als ich den Friedhof wieder aufsuchen wollte, fand ich ihn nicht - ich hatte mich immer an diesen Kreuzen orientiert, doch die sind weg! Wie kommt das? Im Sommer 2003 stellte ich fest, daß auf dem Gräberfeld des ersten Weltkrieges ein weißer Grabstein unter dem mehrere deutsche Gefallene beerdigt sind, offenbar mit einem Hammer zerstört worden war. Ich meldete dies der Friedhofsverwaltung und die versuchte, ihn zu reparieren - vergeblich. Auf dem Russenfrieedhof befindet sich auch das schlichte Holzkreuz des Marburger Jägers Heinrich Hofmann aus Schröck, der, geboren Oktober 1900, 1920 seinen schweren Verletzungen erllegen ist. Das obere Ende des vertikalen Balkens ist mit einem Hammer abgeschlagen worden, es liegt noch rechts daneben: sicherlich Ergebnis ein und derselben Attacke! Zwischen diesem Holzkreuz und dem Ort des weißen Grabsteins befinden sich die russischen Grabdenkmäler. Man muß also annehmen, daß auch sie denselben gewissenlosen Verbrechern zum Opfer gefallen sind! |
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Marburg war 1806 - wie ganz Hessen-Kassel
-unter französische Besatzung gekommen. Und das trotz eines
bestehenden Bündnisses Kurfürst Wilhelms I. mit Napoleon. Dieser
pferchte Hessen und Westfalen zusammen in ein künstliches
"Königreich Westfalen" mit Hauptstadt Kassel ein, welches er seinem
kleinen Bruder Jerome Buonaparte schenkte. Dieser regierte fortan
als "König Lustick", das Land als riesigen Selbstbedienungsladen
aussaugend. Widerstand wurde von der allgegenwärtigen Geheimpolizei
im Keim erstickt. Als dann Anfang 1813 in Rußland Napoleons Stern zu sinken begann und die verbündeten Russisch-Preußischen Truppen in Deutschland eindrangen, keimte auch in Marburg die Hoffnung auf baldige Befreiung. Wie Kürschner in seiner Geschichte Marburgs berichtet, verbreitete sich schon im Frühjahr 1813 in der Stadt das Gerücht, Kosaken seien im Anmarsch. Da begaben sich die Marburger - Groß und Klein - in Scharen zum Elisabether-Thor, um die kaiserlich-russischen Truppen zu begrüßen. Doch es war nur ein Gerücht. Am 28. 9. 1813, 3 Wochen vor der Völkerschlacht bei Leipzig, unternahm General Graf Alexander Tschernytschew einen kühnen Versuch, die Hauptstadt Kassel zu nehmen und Jerome zu verjagen. Am 29. 9. fiel der Kommandeur der Isum- schen Reiter, Jegor Iwanowitsch Bedriaga, tollkühn und mit geschwungenem Säbel ein französisches Caree angreifend durch 2 Kopfschüsse. Sein Grabmal befindet sich noch heute auf dem alten Friedhof in Melsungen. Tschernytschew schickte mehrere Parlamentäre in die Stadt und als die ankamen, brach ein Volksaufstand los: "Hoch lebe Kaiser Alexander von Rußland!" riefen die Kasseläner und zwangen den französischen Stadtkommandanten, die Kapitulation zu unterzeichnen. Kosaken zogen in Kassel ein. (siehe: Zeitschr. des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde Nr. 89, 99, 100). Nach der Leipziger Schlacht (16. - 19. 10. 1813) sahen sich dann die "westphälischen Behörden" gezwungen, auch aus Marburg den Abschied zu nehmen. Im Bestand 12a des königlich Preußischen Staatsarchivs in Marburg findet sich ein Dokument (Nr. 1111 Kriegslasten), das die Wende besiegelt. Ich habe es dem Artikel beigelegt. Seine Umschrift lautet: Abschrift Avant Garde Marburg den 4ten Nov. 1813 Des 8ten Armee-Corps No. 3 Mein Herr General-Secretair! In Gemäsheit höherer Befehle fordere ich Sie auf, so schleunig als möglich die Käyserlich Russische Lieferung zu besorgen. Diese Arbeit, welche ihrer Wichtigkeit wegen mit der größten Schnelligkeit zu betreiben ist, darf nicht einem Individuum allein übertragen werden, sondern ich authorisiere Sie, dieselbe im Wege der Entreprise und auf Rechnung des öffentlichen Fonds bewerkstelligen zu lassen. Der Russisch Käyserliche General- Major /unterz:/ Yusefowitsch Dieses Schreiben von Excellentz Yusefowitsch spricht Bände: Die Truppen, die da ankamen, waren arme abgerissene zerlumpte Gestalten- Ihre Bewaffnung bestand zum Teil nur aus Lanzen und Reflexbögen (dies erzählen die Bilder von Ludwig Sigismund Ruhl im Kasseler Stadtmuseum. Sie zeigen Reiter in gelben langen Mänteln und mit spitzen Hüten). Unter den Montierungs-Röcken, die nicht gewaschen werden durften, hatten sie keine Hemden und waren deshalb mit Hautkrankheiten übersät. Infektionen, Verletzungen und Unterernährung plagten sie.Sehr viele kamen sofort in das im Marburger Schloß befindliche Armee-Lazarett. Zu recht mahnte Yusefowitsch also zur Eile. Doch auch die Disziplin hatte in den schweren Kämpfen gelitten und sie holten sich was sie brauchen konnten einfach aus den Häusern heraus. Vereinzelt kam es auch zu Mißhandlungen. Daß es sich trotzdem um eine Befreiung handelte, kann man an den Zeremonien ablesen, die bei solchen Gelegenheiten abgewartet zu werden pflegen: Der Chef der westphälischen Geheimpolizei in Marburg, v. Wolff, wurde bei seiner "Abreise" von den Marburgern mit einem Hagel von Steinen verabschiedet und die Franzosenfreunde holte man aus ihren Häusern und zwang sie, einen steinernen Hessenlöwen "unter dem Schwanz zu küssen". Wie aus den Bildbeilagen hervorgeht (Meldungen der "Marburger Anzeigen vom Nov. 1815), befanden sich zu dieser Zeit in Marburg an die 10.000 Soldaten, die aus Frankreich nach der Schlacht von Belle Alliance/Waterloo zurückströmten. Im Marburger Schloß war damals ein Feldlazarett eingerichtet (siehe: Walter Kürschner "Geschichte der Stadt Marburg", Marburg 1934), in dem die vielen kranken und verwundeten Soldaten gepflegt wurden, der Frauenverein bemühte sich nach Kräften zu helfen und stellte Vebandmaterial und alles mögliche andere Benöthigte zur Verfügung. An der Schlacht in Flandern 1815 waren Russen nicht beteiligt, jedoch an der ersten Niderringung Napoleons in den Jahren 1812-1814. Wenn also 1815 eine solche Menge von Truppen in Marburg - das sich damals an der Hauptstraße Berlin-Paris befand - stand, wie groß mag die Zahl der Soldaten erst 1814 gewesen sein, als die preußisch-russischen Koalitionstruppen sich nach Frankreich hinein und dann wieder aus Frankreich hinausbewegten! Ein großer Teil dieses nach Hunderttausenden zählenden Heeres muß damals durch Marburg gekommen sein. Die Anzahl der Kranken und Verwundeten in den russischen Verbänden wird erheblich gewesen sein, viele von ihnen, die in Marburg ankamen, werden hier im Lazartett verstorben sein - wo sind sie begraben? Es Gibt Berichte aus dem Marburger Bauamt, daß am Schloßberg häufig Skelette bei Erdarbeiten entdeckt wurden und daß ein großer Gefallenen-Friedhof am Götzenhainweg vermutet wird. Andere sprechen von einer Grablege unter der Schloßmauer am Renthof. Die Dankbarkeit der Befreiten - und das sind wir Marburger! -gegenüber unseren Befreiern von der Napoleonischen Gewaltherschaft gebiethet es, diesem Nachzugehen und für ein würdiges Gedenken der gefallenen russischen Verbündeten und der mit ihnen begrabenen deutschen Cameraden zu sorgen! |
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